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mein Buch „Postkarte aus Bali…“ – Leseprobe 2016-12-15T10:16:45+00:00

„Postkarte aus Bali…“  – Leseprobe

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Daniel und der Drache

Kapitel 1: Unter dem Kastanienbaum

Unter dem großen Kastanienbaum am Rathausplatz von Kleinstixhausen kann man sich wunderbar die Zeit vertreiben. Ich sitze oft hier, vor allem an so schönen Sommertagen wie an diesem. Hier sehe ich so viele Menschen, die ich kenne – oft schon seit vielen Jahren. Ja, ich kenne auch ihre Eltern und teilweise sogar noch ihre Großeltern.

Kleinstixhausen ist über die Jahre sehr gewachsen – jetzt ist es eine richtige Stadt. Aber am Rathausplatz, der seit einigen Jahren eine verkehrsberuhigte Zone ist, hat sich trotzdem kaum was geändert. Heute fahren weniger Traktoren durch, doch das Kopfsteinpflaster ist geblieben. Ja, als man damals den Dorfplatz in Rathausplatz umbenannte, hat man ihn sogleich gepflastert. Wirklich ein besonderer Ort

Herr Breuer hat seinen Gasthof zu einem großen Hotel ausgebaut, das sich jetzt sogar eines Ballsaals rühmt, der für große Feierlichkeiten und wichtige Veranstaltungen benutzt wird. Auch ist der eine oder andere Laden neu hinzugekommen, aber im Großen und Ganzen alles noch so geblieben, wie ich es damals kennen gelernt habe, als ich hierher zog.

Ach, da kommt Benno aus dem Rathaus! Und da ist auch seine Frau mit den drei Enkelkindern. Du meine Güte – sind die aber großgeworden! Schon die Jüngste ist fast erwachsen. Und die Älteste heiratet bald, habe ich gehört. Wie doch die Zeit vergeht!

Und da ist Marie-Luise. Hallo meine Liebe! Wie geht es Dir? Ja, danke, bei mir auch alles bestens. Hast Du gerade Mittagspause? Richte Deinem Mann einen herzlichen Gruß von mir aus! Auf Wiedersehen! Bis bald!“

Auch Marie-Luise hat schon graue Haare. Wie lange kenne ich sie schon? Sie und Benno waren damals noch Kinder.

Ja, und jetzt erinnere ich mich: Vor vielen Jahren, als Benno und Marie-Luise noch zur Schule gingen, passierte hier in unserer Stadt etwas sehr Seltsames. So rätselhaft, dass bis heute niemand wirklich erklären kann, was genau vorgefallen ist. Aber wenn man den verschiedenen Erzählungen Glauben schenkt, dann muss es sich in etwa so zugetragen haben:

Es war ein sonnig heißer Sommertag in Kleinstixhausen, damals noch viel ruhiger als heute. Ein Tag, an dem die Menschen gern im Freien sind und niemand Lust zu arbeiten hat. Die älteren Frauen saßen im Garten oder standen im Schatten der Bäume auf dem Rathausplatz und tauschten die neuesten Gerüchte aus. Die alten Männer saßen auf Bänken in der Sonne, pafften ihre Pfeifen und debattierten über die Meldungen des Tages. Und wer arbeitete, nahm sich vor, möglichst früh Feierabend zu machen und das schöne Wetter zu genießen.

Die Vögel, die in der Früh so lebhaft gesungen hatten, um die Morgendämmerung anzukündigen, waren jetzt still und saßen in den Bäumen oder badeten in dem kleinen Brunnen mitten auf dem Rathausplatz. Die Katzen lagen in der Sonne und putzten sich die Pfoten oder beobachteten träge die badenden Vögel. Die Hunde lagen hechelnd im Schatten der großen Kastanienbäume und beobachteten die Katzen – und keiner rührte sich vom Fleck, um den anderen zu jagen. Es war eben ein herrlicher Sommertag.

Und wo waren die Kinder? Na ja, auch an herrlichen Sommertagen müssen Kinder zur Schule gehen. Auch damals war das so. Die Kinder waren in der kleinen Schule in der Wiesenstraße, gegenüber dem Sportplatz, dort, wo der Baum steht, an dem die großen Jungs herumklettern. Im Klassenzimmer war es warm und stickig. Alle Fenster standen offen, und dennoch regte sich kaum ein Lufthauch. Von weit weg konnte man die Traktoren der Bauern hören. Ja, Bauern müssen auch an den heißesten Sommertagen arbeiten.

Die erste Unterrichtsstunde ging gerade zu Ende, und bald würde es Zeit für die Pause sein. Und weil es draußen viel zu schön war, um im Schulhaus zu bleiben, traf die junge Lehrerin eine Entscheidung, die das Leben dieser Kinder für immer veränderte.

Sie beschloss, das herrliche Wetter einmal auszunutzen und mit den Kindern einen Spaziergang zur Breiten Wiese zu machen. „Dort kann man auch viel über die Natur lernen“, sagte sie. „Also, der Rest des Unterrichts findet heute unter freiem Himmel statt!“

Die Kinder waren begeistert – das war etwas ganz Besonderes! Blitzschnell packten sie ihre Sachen zusammen, schlossen Fenster und Türen und machten sich auf den Weg.

Eigentlich durften sie gar nicht zur Breiten Wiese. Man hatte sie gewarnt, dort sei es irgendwie unheimlich! Genaues wusste niemand, aber jeder wusste, dass Kinder nicht zur Breiten Wiese gehen sollten.

Das aber behielten die Kinder an diesem Vormittag für sich. Sie wollten doch so gern dorthin – und wenn die neue Lehrerin dabei war, dann war das ganz bestimmt in Ordnung!

Und so liefen sie mit ihr lachend und hüpfend über den Schulhof und die Wiesenstraße entlang. Einmal an der Breiten Wiese angekommen, setzten sich alle auf das Gras und packten ihre Pausenbrote aus.

Und dann passierte das, was sich bis heute niemand so richtig erklären kann. Alle, die dabei waren, wissen jedoch, dass es wirklich passiert ist, weil sie sich alle daran erinnern können.

Vielleicht war es das schöne Wetter, oder es war doch die Wiese. Vielleicht hatten die alten Leute Recht, und die Wiese war eben irgendwie verzaubert, oder gar verhext? Oder vielleicht war die Lehrerin einfach nur müde. Schließlich hatte sie in den letzten Wochen sehr viel gearbeitet. Jedenfalls musste sie wohl eingenickt sein, weil sie es sonst nie zugelassen hätte, dass die Kinder allein in den Wald gingen. Und die Kinder waren ganz bestimmt an dem Tag im Wald, sonst hätten sie nie all jene wundersamen Abenteuer erlebt, von denen sie später erzählten…..

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Becky und die Ameisen

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Kapitel 2: Becky

An der Breiten Wiese angekommen, setzten sich Roswitha und Becky zusammen hin. Sie saßen immer zusammen, waren unzertrennlich und spielten auch nach der Schule fast jeden Tag miteinander.

Jetzt ließ Becky Roswitha von ihrem Käsebrot abbeißen, nahm selbst ein Bissen von Roswithas Apfel und schaute zu, wie sie die Puppen mit ihrem Apfel fütterte. Leise besprachen sie, wo sie nach der Schule spielen würden.

Roswitha wollte zu Becky, wo alles nach frischer Bügelwäsche und selbstgebackenem Brot duftete. Beckys Mutter machte alles selbst – Brot, Marmelade, eingelegte Früchte, Suppen und Eintöpfe – und den besten Kuchen der Welt!

Die massiven Möbelstücke in Beckys Wohnung stammten alle von ihrem Vater, der Tischler war. Roswitha stellte sich oft vor, wie Elfen und Feen, Zwerge und andere Märchenfiguren nachts hinter dem Geschirr und zwischen den Kleidern hervorkamen, um zu tanzen.

Becky wollte jedoch lieber zu Roswitha nach Hause, weil es dort mehr Platz gab — und Roswitha hatte auch einen Garten, wo sie bei schönem Wetter spielen konnten.

Bei Roswitha roch alles nach Möbelwachs. Die zierlichen Tische, die Schränke und Kommoden waren mit vielen Verzierungen versehen, und die Griffe aus Messing und Kupfer glänzten wie Schmuckstücke.

Becky wusste, dass die Möbel sehr wertvoll waren, und dass zweimal in der Woche eine Frau zum Putzen kam. Sie sehnte sich danach, die edlen Möbelstücke auch mal zu putzen bis sie glänzten, auch hinten und unten, wo keiner hinschauen konnte!

Aber zu wem sie auch nachhause gingen, meistens spielten sie „Märchentänzer“. Das war Roswithas Erfindung. Sie wollte Tänzerin werden und erfand immer Geschichten über die romantischen Abenteuer der schönen Prinzessin Rosalina und ihrer treuen Zofe Bessima.

Becky wollte zwar nicht Tänzerin werden, aber sie liebte ihre Freundin sehr und spielte deshalb gern mit. Wenn sie nicht bei Roswitha war, spielte sie am liebsten mit ihrem großen Puppenhaus, das ihr Vater vor ein paar Jahren heimlich in seiner Werkstatt gebaut und ihr zum Geburtstag geschenkt hatte.

Das Puppenhaus hatte vier Schlafzimmer, jedes in einer anderen Farbe, mit passenden Möbeln, Vorhängen und Teppichen, so dass die Puppeneltern und die beiden Puppenkinder ein eigenes Zimmer hatten, und ein Schlafzimmer für Gäste übrig blieb.

In der geräumigen Küche im Erdgeschoss standen, alles im Miniaturformat, ein wuchtiger Ofen und ein Tisch mit einer großen Arbeitsfläche.

Das separate Esszimmer protze mit einem Mahagoni-Esstisch und zwölf Stühlen, während die Miniaturmöbel im Spielzimmer alle in bunten Farben gestrichen waren. Das Puppenhaus hatte auch zwei Bäder, eins oben und eins unten, mit glänzenden Armaturen aus echtem Metall. Ein wahrer Palast im Vergleich zu dem kleinen Haus, das sie und ihre Familie im Norden der Stadt bewohnten.

Hier auf der Breiten Wiese sah Becky nun, dass Roswitha die Puppen gefüttert hatte und dabei war, ihnen eine Geschichte zu erzählen: etwas über Feen und eine Königin, einen ergebenen Diener und schon wieder eine treue Zofe — und da machte Becky etwas, was sie noch nie zuvor getan hatte. Sie beschloss, ein eigenes Abenteuer zu haben, ganz für sich allein.

Inzwischen schien Roswitha sogar eingeschlafen zu sein, also würde sie sie nicht vermissen. Becky stand auf und ging entschlossen und zielstrebig auf den Wald zu. Was sie dort genau machen wollte, wusste sie nicht. Sie wusste nur: Es wird schon etwas Abenteuerliches geschehen!

Im Wald war es ganz anders als auf der Wiese, nämlich kühl, dunkel und ruhig. Auf der Wiese hatte das Gras unter ihren Füßen geraschelt; hier im Wald war der Boden mit weichem, samtähnlichem Moos bedeckt, auf dem sie geräuschlos ging.

So einen weichen Moosboden hatte sie noch nie gesehen, und es tat ihr fast leid, draufzutreten, weil sie die Moospflanzen nicht zerdrücken wollte. Aber wenn sie zurückblickte, waren ihre Fußspuren nicht mehr zu sehen, so schnell hatte sich das Moos wieder aufgerichtet.

Ganz von dieser weichen und zugleich so robusten Bodenbedeckung fasziniert, sah sie den großen Ameisenhaufen erst, als sie schon mit einem Fuß hineingetreten war.

Sofort wimmelte es überall um ihre Füße von kleinen, braunen, aufgebrachten Ameisen, die laut schimpften und schrien und sich über den Schaden an ihrem Zuhause bitterlich beklagten.

„Menschen! Menschen! Immer diese blöden Menschen! Schau’n nicht hin! Schau’n nicht her! Denken nichts! Sehen nichts! Machen alles hin!“

Becky war ganz verlegen. „Ach jeh! Es tut mir so leid!“ rief sie aufgeregt. „Ich wollte euer Zuhause nicht beschädigen. Wie kann ich helfen, eure Burg zu reparieren?“

„Helfen! Helfen! Kehren! Sammeln! Bringen! Bauen! Sammeln! Sammeln!“ wetterten die Ameisen. Becky kniete sich hin und kehrte mit ihren Händen so viele kleine Zweigstückchen und Tannennadeln zusammen, wie sie konnte, ohne die winzigen Ameisen zu zerdrücken.

Und sie arbeitete eifrig weiter, bis die Ameisen schrien „Genug! Genug! Wir machen das besser! Genug! Genug! Das machen wir schon!“. Becky zog sich etwas zurück und beobachtete, wie die Ameisen die letzten Reparaturen an ihrem Zuhause erledigten.

Dabei fiel ihr auf, dass manche Ameisen zu zweit riesengroße Zweige nachhause trugen, andere stemmten ganz allein Teile, die sehr viel größer und schwerer waren, als sie selbst, und alle arbeiteten ganz einträchtig im Team, ohne dass es einen Vorarbeiter oder irgendeinen Anführer zu geben schien.

Auch Befehle oder Anweisungen hörte sie keine – irgendwie wusste jede Ameise schon, was zu tun war und tat es ohne Worte. Nur hin und wieder hörte sie noch, wie die eine oder andere sie noch leise schimpfte. „Dummer Mensch! Tollpatsch! Typisch! Macht alles kaputt! Passt nicht auf!“ Aber nach und nach hörten die Rufe auf, und der Ameisenhaufen war fast wieder heil. Jetzt arbeiteten nur noch ein paar
Ameisen an den letzten Feinheiten und richteten ein paar Kleinigkeiten.

Nun kam eine große Truppe Ameisen aus dem Ameisenhaufen marschiert und sammelte sich vor ihr im Halbkreis.

Zunächst herrschte Totenstille, während die Ameisen sie nur ansahen. Becky wurde nervös und hoffte, dass die Ameisen nicht mehr so wütend waren. Um das drückende Schweigen zu brechen, sagte sie, den Tränen nahe „Es tut mir wirklich leid, dass ich euch so viel unnötige Arbeit gemacht habe“.

„Hhrrrrrmmmmph“ sagten die Ameisen im Chor. Wieder Stillschweigen.

„Ich werde auch wütend, wenn mein Bruder etwas in meinem Puppenhaus kaputtmacht! Ich wünschte, ich hätte euer Haus nicht so beschädigt.“

„Hhrrrrrmmmmph“

„Kann ich irgendetwas tun, um es wieder gutzumachen?“

Die Ameisen, die bisher im Halbkreis gestanden hatten schlossen sich zu einem Kreis und schienen sich zu beratschlagen. Becky konnte nicht hören, was sie sagten, sie sah nur, dass sie mit ihren Fühlern, die aussahen wie kleine Antennen, aufgeregt hin und her wedelten.

Nach einer Weile, die Becky schier endlos vorkam, stellten sie sich wieder im Halbkreis auf und sprachen erneut im Chor. „Mitkommen, helfen, mitkommen, helfen!“, riefen sie ihr zu. „Lachender Riese großes Schloss! Lachender Riese großes Schloss! Wertvolle Sachen! Putzen viel! Wertvolle Sachen! Putzen viel!“

Warum sie alles zweimal sagten, wusste Becky nicht, aber offensichtlich hielten sie nicht allzuviel von Menschen, und vielleicht dachten sie, man müsse Menschen alles zweimal sagen, bevor sie es richtig verstehen.

Auf keinen Fall wollte sie weiterfragen, es könnte die Ameisen wieder ärgern. Außerdem hatte sie ja gehört, dass es in einem Schloss wertvolle Sachen zu putzen gab. Also, wenn die Ameisen das als Strafe für sie ausgedacht hatten, war das in Wirklichkeit ein wunderbares Geschenk! Wertvolle Sachen putzen! Und in einem Schloss! Sie konnte sich kaum was Schöneres vorstellen.

„Das mache ich gern! Das mache ich gern!“ antwortete sie, und merkte, dass sie es doppelt sagte.

„Damit muss ich aufhören, wenn ich wieder unter Menschen bin“ dachte sie, aber die Ameisen schienen es ganz normal zu finden. „Vielleicht sprechen die einfach so! Wer weiß?“

„Folge uns, hier entlang! Folge uns, hier entlang!“ befahl die Truppe während sie sich zu einer Kolonne formierte – zehn Ameisen pro Reihe – und in tadelloser, geradezu militärischer Ordnung weiter in den Wald hinein marschierte. Becky marschierte hinterher und war bald ganz außer Atem, so schnell gingen die Ameisen. Ihr fiel jetzt auf, dass sie in der Zwischenzeit auf deren Größe geschrumpft war. „Hoffentlich werde ich wieder groß!“ dachte sie und hechelte den Ameisen hinterher.

Nach einigen Minuten stillen Marschierens näherten sie sich einem Ameisenhaufen, der anders aussah, als der Vorherige.

Der war rund gewesen, dieser hingegen war länglich und lehnte mit einem Ende an einem großen Felsbrocken. Am Eingang des Haufens standen ein paar ganz große schwarze Ameisen. Als die Kolonne dort ankam, gab es ein furioses Antennenpalaver zwischen den braunen und den schwarzen Ameisen, und Becky sah, wie sie in ihre Richtung deuteten.

„Wahrscheinlich erzählen sie den anderen, wie ich ihr Zuhause beschädigt habe“ dachte Becky und wurde schamrot. .

Dann marschierte die Kolonne weiter, durch den Eingang des länglichen Ameisenhaufens.

Im Gang des neuen Ameisenhaufens herrschte ein Kommen und Gehen, noch hektischer als in Kleinstixhausen am Markttag.

Vom Hauptgang, durch den sie in Reih und Glied marschierten, führten unzählige Nebengänge zu Seitenräumen, und aus diesen Gängen strömten Hunderte von kleinen, hellen Ameisen, wedelten kurz mit ihren Fühlern und verschwanden dann wieder.

„Boten, Boten, Nachrichten, Nachrichten“ sprachen plötzlich die letzten Reihen der Kolonne im Chor, und Becky wurde klar, dass ihr Kommen für die Ameisen genau so aufregend sein musste wie für sie, plötzlich hier zu sein. Das machte sie ein klein bisschen stolz – es war doch schön, auch einmal im Mittelpunkt zu stehen.

Jetzt machte der Gang eine scharfe Linkskurve und noch eine nach rechts, und dann wurde plötzlich alles ganz hell! Sie waren am anderen Ende des Ameisenhaufens angelangt und befanden sich nun in einem hohen Korridor, so hell, dass Becky ein Augenblick lang geblendet war – und so lang, dass sie kaum dessen Ende sehen konnte.

„Empfangshalle! Empfangshalle!“ verkündeten die Ameisen. „Sportzentrum drüben, Sportzentrum drüben“ erklärten sie weiter und hielten zum ersten Mal an.

Becky holte zunächst mal kräftig Luft und sah sich um.

Die Wände der Empfangshalle waren blitzblank poliert und spiegelten das bunte Licht hunderter kleiner Lämpchen, so dass alles funkelte wie tausend Weihnachtsbäume. Die Lämpchen hingen weit oben an den Wänden, und Becky fragte sich, ob man auch nach oben klettern müsste, um sie zu putzen.

„Machen die anderen, machen die anderen; Fledermäuse, Fledermäuse“, riefen die Ameisen, wieder im Chor. Sie können auch Gedanken lesen, dachte Becky. „Gedanken lesen, Gedanken lesen“, wiederholten die Ameisen und klangen zum ersten Mal, als würden sie sogar lachen. „Wir machen den Boden, wir machen den Boden! Große Stiefel, viel Dreck, große Stiefel, viel Dreck“

Das klingt fast wie ein Lied, dachte Becky und freute sich. Fast wie ein Lied.

„Kommen jetzt! Achtung! Kommen jetzt! Achtung!“, schrien die Ameisen und reihten sich eng an der Wand auf. Und schon sah Becky ein Paar riesengroße, gestiefelte Füße, die lautlos den Gang entlang kamen, und neben den gestiefelten Füßen ging ein Junge, der dem bösen Sebastian aus ihrer Klasse sehr ähnlich sah, nur viel, viel größer und nicht so schlecht gelaunt. Sie verschwanden zusammen in Richtung Sportzentrum und Becky hörte, wie der Riese etwas sagte, aber seine Stimme war so tief, dass es Becky nicht verstehen konnte.

„Jetzt müssen wir ran! Jetzt müssen wir ran!“, riefen die Ameisen und schwärmten in alle Richtungen aus. Becky rannte mit und machte es den Ameisen nach, die jetzt die Tannennadeln, Blätter und kleine Zweigstückchen eifrig aufsammelten, welche der Riese mit seinen Stiefelsohlen hineingetragen hatte. Hin und her rannten sie, sammelten alles auf und trugen ihre Funde zum Ende des dunklen Ganges, durch den sie hereingekommen waren.

Aus diesem Gang eilten andere Ameisen herbei, die alles hinausschafften, so dass der moosbedeckte Boden bald wieder gepflegt aussah.

„Schade, dass wir schon fertig sind“, dachte Becky. „Gerade fing es an, richtig Spaß zu machen.“

„Weiter, weiter!“, riefen die Ameisen und rannten, wieder als Kolonne, in Richtung Sportzentrum. Als sie näher kamen, sah Becky, dass das, was sie für große Felsstücke gehalten hatte, in Wirklichkeit gigantische Skulpturen waren, aus dunklem Marmor und hellem Granit. Jede Statue stellte einen Sportler dar, in einer Pose, die seiner jeweiligen Sportart entsprach.

Es gab einen Diskuswerfer, einen Turner, einen mit einem Speer in der Hand, noch einen, der ein Schwert empor hielt, einen, der ein Gewicht stemmte und viele weitere.

„Säubern, pflegen, säubern, pflegen“, intonierten die Ameisen und verteilten sich auf die verschiedenen Statuen. Becky konnte nicht so klettern, wie die Ameisen und begnügte sich damit, von einer Figur zur nächsten zu gehen und die Podeste und die Zehen der Sportler zu putzen.

Hinter jeder Skulptur fand sie an der Wand ein kleines Häkchen, an dem ein Putzlumpen hing, um die rau belassene Oberfläche der Podeste und die auf Hochglanz polierten Füße der steinernen Sportler zu pflegen.

Aus den Vertiefungen holte sie die letzten Staubkörnchen heraus und polierte dann die glatten Oberflächen, bis sich ihr Gesicht darin spiegelte.

Immer wieder trat sie ein paar Schritte zurück, um alles zu bewundern – zu wissen, dass diese prachtvollen Figuren durch ihr Zutun jetzt noch kraftvoller wirkten, machte sie glücklich.

„Wenn ich wieder zuhause bin“, beschloss sie, „werde ich in den Garten meines Puppenhauses auch eine Statue stellen. Dann wird der Garten noch schöner!“

Kaum hatte sie das dritte Podest und die Füße fertig geputzt, versammelten sich wieder die Ameisen im Halbkreis vor ihr, und einige kamen direkt auf sie zu. „Inspektion! Inspektion!“, riefen sie alle, und Becky stand stramm, als ob sie selbst begutachtet werden sollte. „Hoffentlich habe ich es gut genug gemacht“, dachte sie und wartete nervös auf das Urteil der Ameisenbrigade.

Die Ameisen-Inspektoren nahmen es sehr genau: Sie spähten in die kleinsten Vertiefungen und überprüften die glänzenden Flächen auf Staubreste, und trotz strenger Begutachtung verkündeten sie schließlich: „Alles perfekt, alles perfekt. Ein bisschen langsam, aber alles perfekt!“ Woraufhin alle Ameisen im Chor „bravo! bravo!“ riefen und mit ihren Fühlern Beifall klatschten.

Aus der Mitte des Halbkreises lösten sich nun drei von ihnen und kamen feierlich im Gleichschritt auf Becky zu.

„Ahem“, räusperten sie sich und wechselten fragend die Blicke. Zum ersten Mal wirkten sie etwas verlegen, dachte Becky und tatsächlich kam es selten vor, dass die Ameisen in so kleinen Gruppen etwas sagten – und das zu einem Menschen! Auch für die Ameisen war dies ein besonderer Moment.

„Ahem“, sagten sie nochmals, und schließlich: „Fräulein Becky!“
„Fräulein Becky!“, wiederholten die anderen Ameisen im Chor.
„Du hast Talent!“
„Du hast Talent!“, wiederholte der Chor erneut.
„Nicht jeder kann schätzen…“
„Nicht jeder kann schätzen… „ wieder einmal der Chor.
„die Schönheit der Kunst“
(„die Schönheit der Kunst“)
„Du hast es verstanden…“
(„Du hast es verstanden…“)
„die Kunst zu schätzen…“
(„die Kunst zu schätzen…“)
„und sie zu putzen…“
(„und sie zu putzen…“)
„damit sie glänzt …“
(„damit sie glänzt…“)
„ noch prächtiger wirkt…“
(„noch prächtiger wirkt…“).

Nach dieser Zeremonie ging eine Ameise ganz allein zu ihr hin, und anstatt wie bisher mit ihr zu reden, fing sie an, mit den Antennen zu gestikulieren. Und da kam es Becky vor, als höre sie ein Flüstern, das von weit her aus der Luft zu ihr kam.

„Liebe Becky“, rief die Wisperstimme. „Du wirst nie reich sein, dennoch wirst du ein reiches und glückliches Leben führen, umgeben von vielen Schätzen und wertvollen Kunstgegenständen, die alle dir anvertraut werden. Es wird so sein, als würden sie alle dir gehören und du wirst viel, viel Freude an ihnen haben.“

„Oh danke, danke!“, sagte Becky, tief beglückt.

„Keine Ursache! Keine Ursache!“, antworteten alle Ameisen.

„Was wird wohl Roswitha sagen, wenn ich ihr davon erzähle“, fragte sie sich. „Aber ich glaube, das behalte ich lieber für mich! Ja, das war mein ureigenstes Abenteuer!“

„Ein weiser Entschluss! Ein weiser Entschluss!“, bestätigten die Ameisen.

„Jetzt müssen wir gehen, der Weg ist weit! Der Weg ist weit, jetzt müssen wir gehen!“ Und während sie sangen, reihten sie sich wieder in einer Kolonne auf und marschierten entschlossen zurück zu dem dunklen Gang, der durch den langen Ameisenhaufen hinaus in den Wald führte.

„Hey, Becky! Schläfst du?“, rief Roswitha.

„Nein“, lächelte Becky, „ich habe gesehen, wie du schläfst und habe einen kleinen Spaziergang gemacht.“

„Ich habe doch gar nicht geschlafen“, wollte Roswitha sagen, aber die Wörter drehten sich ihr im Mund um, und so hörte sie, wie sie Becky fragte: „Wohin bist du denn spazieren gegangen?“.

Becky senkte die Stimme; „In den Wald – aber bitte erzähl‘ es niemandem, es ist ein Geheimnis.“

„Nein“, antwortete Roswitha, „ich erzähle es nicht weiter. Ich wollte dir auch etwas erzählen, aber … ich weiß nicht mehr, was. Ich hab’s vergessen. Also, wo gehen wir nach der Schule hin? ich möchte ein neues Märchen tanzen.“

„Können wir ein Märchen vom Putzen in einem großen Schloss tanzen?“ schlug Becky vor.

„Ach! Putzen ist doch langweilig“ stöhnte Roswitha, und Becky wusste, sie würde noch eine Weile warten müssen, aber eines Tages…

Fortsetzung folgt…

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